Im Gespräch

«Ein Fachausweis für Frauen, die führen» (August 2018)

renatekaufmann

In jedem dritten KMU wirken Frauen an führender Stelle mit. Viele haben sich mit «Learning by Doing» ein breites Managementwissen angeeignet. Jetzt können sie einen eidgenössischen Fachausweis dafür erwerben. Renate Kaufmann von der Geschäftsleitung des AGV über einen Ausbildungsgang, der auch ohne Schulbank drücken zum Ziel führt.

Renate Kaufmann ist Mitglied der Geschäftsleitung des Aargauischen Gewerbeverbands, Präsidentin der KMU Frauen des Kantons Aargau und Vertreterin des Aargaus bei den Kantonalen KMU Frauen Schweiz.

KMU Region Brugg: Frau Kaufmann, wir kennen das Klischee: «Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau.» Eine Frau also, die fleissig und kompetent im Hintergrund wirkt. Was sagen Ihre Statistiken über Frauen in KMU?

Renate Kaufmann: Manchmal steht hinter oder neben dem starken Mann tatsächlich eine starke Frau, manchmal steht sie aber auch allein an der Front! Die wichtigste Zahl: In 34 Prozent aller KMU im Schweizerischen Gewerbeverband (SGV) wirken Frauen als Inhaberinnen, als Geschäftsführerinnen, als Kader oder als Partnerin des Unternehmers in der Firma mit. Das sind gegen 160000 Frauen.

Für diese Frauen haben SGV und KMU Frauen nun einen neuen Ausbildungsgang geschaffen. Er führt zum Abschluss «Fachfrau Unternehmensführung KMU mit eidgenössischem Fachausweis». Dabei soll die Berufsprüfung ohne Schulbesuch bestanden werden können. Werden da etwa Diplome verschenkt?

Natürlich nicht. Das Spezielle an dieser neuen Berufsprüfung ist, dass sie auf der Anerkennung der bereits erlangten Berufserfahrung basiert. Diese Berufserfahrung hat die Kandidatin jedoch nachzuweisen (die sogenannte Validierung). Und das ist dann doch ein gutes Stück Arbeit.

Das Spezielle an der neuen Berufsprüfung ist, dass sie auf der Anerkennung der bereits erlangten Berufserfahrung basiert.

Wie sieht diese Arbeit aus?

Sie beginnt mit einer Selbsteinschätzung aufgrund eines Fragebogens mit gegen 500 Fragen. Danach begleitet ein Coach die Absolventin beim Ausarbeiten eines sogenannten Performanzdossiers. Dieses Dossier ist innert 10 Monate überwiegend selbständig zu erarbeiten; an zwei Vertiefungswochenenden lassen sich die Fortschritte kontrollieren und Fragen klären. Den Abschluss bildet eine mündliche Prüfung.

Was ist dieser Abschluss denn wert? Mit welchen anderen Diplomen ist er vergleichbar?

Er enspricht dem Diplom einer Höheren Fachschule, etwa als Betriebswirtschafter des Gewerbes.

Und wem empfehlen Sie jetzt diesen Abschluss?

Der Ausbildungsgang richtet sich an Frauen, die eine KV-Lehre absolviert haben oder ein anderes Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis vorweisen können sowie über mindestens fünf Jahre Berufserfahrung mit Führungsaufgaben im KMU oder ohne EFZ-Abschluss als Kauffrau mit mindestens 8 Jahren Berufserfahrung mit Führungsaufgaben im KMU verfügen. Für diese Frauen bedeutet das Diplom eine Bestätigung ihrer Kompetenzen als KMU-Führungskraft. Das stärkt nicht nur ihre Stellung im Unternehmen und auf dem Arbeitsmarkt, es macht sie auch unabhängiger.

Wir setzen uns dafür ein, dass die Leistungen von Frauen in KMU in der Öffentlichkeit anerkannt werden, und fördern die Vernetzung.

Frau Kaufmann, Sie sind aargauische Kantonalpräsidentin der Organisation KMU Frauen Schweiz. Was steht auf Ihrem Programm?

Die KMU Frauen gibt es auf nationaler Ebene seit 1994. Wir verstehen uns als Netzwerk der mitarbeitenden Partnerinnen und selbständigen Unternehmerinnen in KMU. Unter dem Motto «anerkennen-integrieren-vernetzen“ setzen sich die KMU Frauen Schweiz mit Unterstützung des Schweizerischen Gewerbeverbands dafür ein, dass ihre Leistungen in der Öffentlichkeit anerkannt und dass sie in den bestehenden Strukturen besser integriert werden und sich vernetzen können. Im Aargau sind wir daran, unsere Organisation auszubauen. Derzeit laden wir die Frauen jährlich zu einem gemeinsamen Anlass ein. Mit der neuen Website des AGV, die im Jubiläumsjahr 2019 online geht, werden wir auch eine verstärkte Internetpräsenz realisieren.

Frau Kaufmann, danke fürs Gespräch.

Weitere Informationen

Interessieren Sie sich für die Ausbildung «Fachfrau Unternehmensführung KMU»? Möchten Sie bei den KMU Frauen aktiv mitwirken? Siehe www.kmufrauenschweiz.ch, oder nehmen Sie mit Renate Kaufmann Kontakt auf: r.kaufmann@agv.ch / Telefon 062 746 20 40.

 

«Wir wollen nicht First Mover sein – aber vorne mit dabei» (Februar 2017)

Die IBB Energie AG in Brugg bietet laut ihrem Firmenslogan «den Anschluss ans Leben». Hat sie auch Anschluss an Industrie 4.0? Wir fragten Ralph Zebert, Geschäftsleiter Energie-Dienstleistungen.

Ralph Zebert

KMU Region Brugg: Herr Zebert, im IBB-Geschäftsbericht 2015 haben wir das Stichwort Digitalisierung in Zusammenhang mit Energie-Dienstleistungen gerade mal an einer Textstelle gefunden. So heiss wird das Eisen bei Ihnen wohl noch nicht geschmiedet?

Ralph Zebert: Wo denken Sie hin! Digitalisierung beschäftigt uns intensiv in mehreren Projekten, die teils abgeschlossen, teils in der Umsetzungsphase sind, andere bestehen als kreative Visionen..

Ein paar Beispiele wären jetzt schön.

Stark verändert hat sich unser Energieeinkauf durch die Einführung einer Online-Beschaffungsplattform, über die wir unsere Verträge abschliessen und das ganze Strom-Portfolio verwalten. Sie können das mit E-Banking vergleichen. Auf jeden Fall macht uns dieses Tool wesentlich agiler im Energiehandel. Dann sind wir dran, unsere gesamten Serviceleistungen auf digitale Abwicklung über Tablets umzustellen, von der Auftragserfassung über die Ausführung bis zur Rechnungsstellung. Ausserdem befinden wir uns mitten im Übergang zum Smart Metering: Da kommt nicht mehr der Stromableser ins Haus, um den Verbrauch zu messen. Stattdessen wird der neue Zählerstand per Funk übertragen und dann die Rechnung direkt ausgelöst. Bisher hat sich diese Technologie wegen der hohen Kommunikationseinrichtungskosten erst in Gebäuden mit einer grösseren Zahl von Anschlüssen gelohnt, aber die Lösung zur Senkung dieser Kosten zeichnet sich jetzt ab..

Die neue Online-Beschaffungsplattform macht uns wesentlich agiler im Energiehandel.

Ok, ich nehme meine Anfangsvermutung zurück: Sie haben ja mehrere Eisen im Feuer. Die Beispiele, die Sie bis jetzt erwähnt haben, dienen alle der Erhöhung Ihrer betrieblichen Effizienz. Ist Digitalisierung denn für Sie auch mit Blick auf den Kundennutzen ein Thema?

Unbedingt. Diesen Frühling führen wir beispielsweise das neue Kundenportal ein. Hier kann unser Energiekunde sein eigenes Kundenkonto führen, Rechnungen und Verbräuche kontrollieren, Auswertungen vornehmen und Mutationsmeldungen einreichen. Ein Gewinn an Transparenz und eine Vereinfachung des Kundendialogs zugleich!.

Das neue Kundenportal ist ein Gewinn an Transparenz und vereinfacht den Kundendialog.

Der Strommarkt in der Schweiz ist im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern nur teilweise liberalisiert. Während Grosskunden ihren Energiepartner frei wählen können, sind Kleinverbraucher, also auch alle privaten Haushalte, weiterhin gebunden. Da können Sie ja zumindest bei dieser Kundengruppe die Hände getrost in den Schoss legen …

… was wir aber tunlichst bleiben lassen! In der Tat hat die Schweiz die vollständige Liberalisierung des Strommarkts noch einmal hinausgeschoben. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und wir wollen bereit sein, wenn die Stunde Null kommt. Darum beschäftigen wir uns intensiv – ich habe die kreativen Visionen schon erwähnt – mit künftigem Produktdesign und Marketing in einem kompetitiven Umfeld auch im Consumer Markt. Da werden die jungen, mobilen und internetaffinen Kunden für uns wichtig sein, und einen entsprechend hohen Stellenwert haben in unseren Überlegungen für die digitalen Kommunikationskanäle.

Zusammengefasst: Welche Digitalstrategie verfolgen Sie?

Wir setzen Digitalisierung überall dort ein, wo sie einen Kundennutzen bewirkt und wirtschaftlich vorteilhaft erscheint. Dabei handeln wir proaktiv, aber nicht übereilt. Das bedeutet, dass wir nicht immer zu den „First Movern“ zählen müssen, aber immer vorne mit dabei sein wollen.

Herr Zebert, danke fürs Gespräch.

 

«Bereits mitten im Transformationsprozess» (Oktober 2016)

Digitalisierung, Big Data und Online-Processing sind Themen, die auch die Banken umtreiben. Und wie!
Wir sprachen mit Roberto Belci, Mitglied der Geschäftsleitung der Neuen Aargauer Bank und Leiter Private Banking-, Privat- und Firmenkunden.

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KMU Region Brugg: Herr Belci, in der Finanzbrache drängen die sogenannten Fintech-Unternehmen auf den Markt, die Finanzdienstleitungen voll digitalisiert anbieten. Sie kommen ohne Banklizenz und ohne Filialnetz aus. Microsoft-Gründer Bill Gates hat diese Entwicklung mit der Bemerkung kommentiert: «Banking is necessary, banks are not.» Sind Banken wie die NAB bald Geschichte?

Roberto Belci: Ganz bestimmt nicht. Banken werden die tragenden Säulen der Finanzbranche bleiben. Aber sie werden sich verändern. Oder, genauer gesagt: Sie befinden sich bereits mitten in diesem Transformationsprozess.

Wie spielt sich dieser ab, und wo setzt die NAB die Akzente?

Banken sind, was die internen Prozesse und die Datenhaltung anbelangt, heute schon hochgradig digitalisiert, da zählt die Branche im Quervergleich zu den Leadern. Die Herausforderung liegt also hauptsächlich darin, die Digitalisierung auch auf die Kundenbeziehung auszudehnen. Da ist bei uns schon einiges verwirklicht. Im Online-Banking nab.directnet.com verwalten Sie Ihr Konto, wickeln Ihren Zahlungsverkehr ab und handeln mit Wertschriften, etc. Das funktioniert übrigens auch via Mobile Banking App am Tablet oder Smartphone. Diese App macht es möglich, via Smartphone Bargeld zu beziehen oder zu verschicken. Seit kurzem können sie bei uns auch Hypotheken online beantragen. Und als nächstes werden wir Beratungsgespräche über Video anbieten.

Die Aufgabe der Filialen wandelt sich. Aus Schalterstellen werden Begegnungs- und Beratungsstützpunkte.

Und die Filialen sind ein Auslaufmodell?

Nein, natürlich überprüfen wir die Auslastung der Filialen regelmässig und nehmen wo nötig Korrekturen vor. Grundsätzlich aber bleibt die Präsenz vor Ort, die Verankerung in den Regionen für unser Geschäftsmodell elementar. Die Aufgabe der Filialen wandelt sich allerdings: Aus Schalterstellen werden Begegnungs- und Beratungsstützpunkte. Einen Prototyp dieser neuen Form haben wir gerade diese Woche eröffnet: den MyNAB-Shop im Shoppi Tivoli in Spreitenbach. Wir sehen die Zukunft in einer Multichannel-Strategie, die dem Kunden die Wahl lässt zwischen analoger und digitaler Kommunikation.

Menschen werden auch in Zukunft mehr Vertrauen in Menschen setzen als in Algorithmen.

Kehren wir nochmals zurück zu den Fintech-Firmen. Deren Strategien beruhen zum einen auf der Rationalisierung administrativer Vorgänge durch digitale Automation, anderseits auf dem Ersatz der konventionellen Beratung durch künstliche Intelligenz. Glauben Sie nicht, der Algorithmus verdränge früher oder später die netten Beraterinnen und Berater der Bank?

Geldsachen sind eine Angelegenheit des Vertrauens, und Menschen werden auch in Zukunft mehr Vertrauen in Menschen setzen als in Algorithmen. Eine kompetente Beratung, die auf den Kunden und seine spezifische Situation eingeht schafft Mehrwert. Wir investieren deshalb in die Qualität der Beraterinnen und Berater ebenso konsequent wie in die Digitalisierung des Daily Business.

Herr Belci, danke fürs Gespräch.

(Oktober 2016)

 

 

 

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«Kein Big Bang – aber es geht schnell»

Industrie 4.0 ist in der Wirtschaftswelt das Schlagwort der Stunde. Was steckt dahinter? Und betrifft es auch uns KMU? Wir fragten Bernhard Isenschmid, Technologie- und Innovationsexperte am Hightech Zentrum Aargau. (Juni 2016)

Herr Isenschmid, erklären Sie uns doch Industrie 4.0 einmal so, als hätten wir noch nie davon gehört. Und das in zwei Sätzen, wenns geht.

Ich mache mehr als zwei Sätze, aber kurze. 4.0 steht für die vierte Entwicklungsstufe der Güterproduktion. 1.0: Dampfmaschinen erhöhen die Produktivität schlagartig. 2.0: Das Fliessband bringt Arbeitsteilung und Grossserienproduktion. 3.0: Die Elektronik erobert die Maschinensäle. 4.0: Weltweite Vernetzung, Durchdringung des Alltags mit digitaler Kommunikation und rasante Steigerung der IT-Speicher- und Rechenleistung ermöglichen die Flexibilisierung und Individualisierung der Produktion und die Vernetzung von allem mit allem (“Internet of Things”), was ganz neue Geschäftsmodelle erlaubt. Der letzte Satz war jetzt etwas länger, sorry.

Ich würde eher von einer rasanten Evolution als von einer Revolution sprechen.

Wir verzeihen Ihnen. Muss man sich den Übergang von 3.0 zu 4.0 denn als Revolution vorstellen? Irgendwann ein Big Bang, und dann haben wir 4.0?

Ich würde eher von einer rasanten Evolution reden. Vergleichen Sie es mit der Mobiltelefonie. Vor zwanzig Jahren haben Sie mit Ihrem Handy telefoniert, heute ist es auch Ihr Organizer, Ihr Fotoapparat, Ihr Social-Media-Tool, Ihre Wetterstation und einiges mehr. In zwanzig Jahren hat sich Telefonie stärker entwickelt als vorher in hundert Jahren.

“Rasante Evolution”, das könnte einen auch beunruhigen. Aber wir KMU können ja gelassen bleiben. Schliesslich heisst es “Industrie 4.0” und nicht “Gewerbe 4.0”.

Täuschen Sie sich mal nicht. Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung sind Entwicklungen, die ausnahmslos alle betreffen. Auch das Gewerbe. Wenn Sie im Handel tätig sind, haben Sie mit dem Vormarsch des Online-Shopping schon einen Vorgeschmack erhalten. Wenn Sie beratend tätig sind, müssen Sie sich damit auseinandersetzen, dass Beratung automatisierbar und grossflächig anbietbar wird. Oder: wenn Sie als Handwerker Einzelstücke fertigen, gilt es zu beachten, dass Industrie 4.0 auch Grossbetriebe in die Lage versetzt, ein hohes Mass an individualisierter Produktion anzubieten.

Sie nennen Risiken. Wo Risiken sind, eröffnen sich auch Chancen. 

Absolut. Stellen Sie sich zwei Schlüsselfragen. Erstens: Inwieweit kann ich neue Möglichkeiten zur Digitalisierung und Automation in meinem Unternehmen einsetzen, und welche Vorteile ergeben sich daraus für meine Kunden und mich? Und zweitens: Welchen Mehrwert bietet der nicht automatisierbare Anteil unseres Angebots?

Die Fragen zu stellen ist das eine. Sie zu beantworten, das andere. Was tun, wenn ich Unterstützung suche?

Zunächst ganz praktisch: Beobachten Sie das Verhalten junger Menschen – ihr Konsum- und Medienverhalten gibt Hinweise auf Zukunftsmärkte -, und halten Sie Augen und Ohren offen für Entwicklungen in ihrem beruflichen Netzwerk. Nutzen Sie Informationsangebote und Know-how von Branchenverbänden und von Plattformen, die sich aufs Thema Industrie 4.0 spezialisiert haben. Auch das Hightech Zentrum Aargau bietet Veranstaltungen zum Thema an. Und wenn Sie schon eine Vision entwickelt haben, welche Rolle Ihr Unternehmen in der digitalisierten Welt 4.0 spielen könnte, können Sie unsere Innovationsberatung in Anspruch nehmen.

Danke fürs Gespräch, Herr Isenschmid. 

Weiterführende Information:
Hightech Zentrum Aargau Angebote

 

Verena Rohrer, Standortförderung Brugg Regio: «Die Richtung stimmt.» (Januar 2014)

Verena Rohrer

Verena Rohrer, 33, leitet seit Anfang 2012 die regionale Standortförderung von Brugg Regio und ist seit Anfang 2014 auch Leiterin der Geschäftsstelle Brugg Regio. Die Geschäftsstelle Brugg Regio befindet sich seit Herbst 2013 im gleichen Gebäude wie das Hightech Zentrum Aargau an der Badenerstrasse 13 in Brugg. Verena Rohrer wohnt in Rombach AG.

KMU Region Brugg: Frau Rohrer, Brugg Regio hat sich auf Anfang 2014 eine neue Organisation gegeben. Was hat sich geändert, und welche Rolle spielen Sie dabei?

Verena Rohrer: Brugg Regio, also der Regionalplanungsverband, dem 26 Gemeinden angehören, hat seine Organisation verschlankt, professionalisiert und ist zugleich zur „Basisdemokratie“ zurückgekehrt. Das bedeutet, dass die bisherige Geschäftsleitung mit jeweils einem Vertreter pro Teilregion abgeschafft wurde und alle Entscheide künftig wieder durch die Vollversammlung aller Gemeindevertreter getroffen werden. Zudem sind die administrativen Aufgaben, die bisher von Gemeindeangestellten nebenher zu erfüllen waren, nun neu bei einer Geschäftsstelle konzentriert. Deren Leitung liegt bei mir, unterstützt werde ich von meinem neuen Mitarbeiter Florian Zimmermann. Insgesamt ist die Geschäftsstelle mit 45 Stellenprozenten dotiert.

KMU Region Brugg: Vor zwei Jahren sind Sie angetreten mit dem erklärten Ziel, von der reinen Tourismusförderung wegzukommen und den Fokus der regionalen Standortförderung auf die Region als Ganze zu erweitern – inklusive Wirtschaft, Wohnen, Bildung. Wie sieht da Ihre Zwischenbilanz aus?

Verena Rohrer: Wir kommen voran. Nicht immer so schnell, wie ich möchte, aber die Richtung stimmt.

KMU Region Brugg: Beispiele?

Verena Rohrer: In den vergangenen zwei Jahren entstanden viele Grundlagen, um künftige Projekte wirkungsvoll zu gestalten. Vor allem habe ich viel Zeit in die Standortanalyse und in die Vernetzung mit Wirtschafts- und Bildungsinstitutionen investiert. Wichtig war mir die Entflechtung von Tourismusmarketing und genereller Standortförderung. Das ist mit entsprechender Korrektur der Internetauftritte von Tourismus (regionbrugg.ch) und Brugg Regio (bruggregio.ch) sowie mit der Eröffnung des Info-Büros im Odeon Brugg gelungen. Gefreut hat mich natürlich auch die erfolgreiche Durchführung des ersten „slowUp“ in der Region Brugg.

KMU Region Brugg: Und was hat sich im Bereich Wirtschaft konkret getan?

Verena Rohrer: Mit Aargau Services, also der kantonalen Standortförderung, besteht mittlerweile ein guter Dialog und eine gefestigte Zusammenarbeit. Mit dem „I-Markt.ch“ – einer Internetplattform, auf der sich regionale Anbieter den Lernenden und Lehrenden des FH-Campus präsentieren können – ist ein konkretes Projekt verwirklicht worden. In der Pipeline steckt die Anbindung von Brugg Regio an die Immobiliendatenbank von Aargau Services, die uns wertvolle Grundlagen zur Beratung von Firmen liefert, welche sich neu in der Region ansiedeln wollen oder die ihren Standort bereits in der Region haben und infolge ihres Wachstum neue Standorte innerhalb der Region suchen.

KMU Region Brugg: Derzeit profitiert Brugg Regio von Projektzuschüssen aus der Neuen Regionalpolitik (NRP), ein Programm des Bundes, das Ende 2015 ausläuft. Ist danach in der Region Brugg fertig lustig mit Standortförderung?

Verena Rohrer: In der Tat basieren unsere Jahresbudgets 2014 und 2015 auf den Gemeindebeiträgen für die regionale Standortförderung, wie sie 2010 erstmals definiert wurden. Mit Unterstützung der NRP Projektgelder sind aktuell die Entwicklungsprojekte und Projekte zur Stärkung der Region bis Ende 2015 in der Art möglich. Will die Region Brugg auch nach 2015 regionale Standortförderung in dem Rahmen betreiben, wie er nun geschaffen worden ist, muss die Finanzierung von zusätzlichen 100‘000 Franken zum normalen Budget für die Jahre ab 2016 auf eine neue Basis gestellt werden. Darin enthalten sind neben Betriebskosten auch Projektgelder.

Will die Region Brugg auch nach 2015 regionale Standortförderung im jetzigen Rahmen betreiben, muss die Finanzierung von zusätzlichen 100‘000 Franken für die Jahre ab 2016 auf eine neue Basis gestellt werden.

KMU Region Brugg: Ein heisses Eisen … 

Verena Rohrer: Heisse Eisen kann man schmieden. Das wird für Brugg Regio eine der wichtigsten Aufgaben in diesem Jahr sein. Einige Möglichkeiten sind angedacht, zum Beispiel eine nach Zentrumsnähe differenzierte Erhöhung der Gemeindezuschüsse.

KMU Region Brugg: Gehört ein Griff in den Beutel der Unternehmen auch zu den angedachten Möglichkeiten? 

Verena Rohrer: Denken darf man bekanntlich alles: Ja, in diese Richtung gehen meine Gedanken und Hoffnungen auch. Ich weiss aber, dass bei einem solchen Anliegen auch der Nutzen für die Wirtschaft klar zu dokumentieren ist und ich auf die Solidarität der Unternehmen mit den Zielen der Standortförderung muss zählen.

KMU Region Brugg: Was steht dieses Jahr ausserdem in Ihrer Agenda? 

Verena Rohrer: Für die Region Brugg soll ein modular und deshalb vielseitig verwendbarer Imagefilm entstehen, da startet in Kürze die Offertausschreibung. Im Zusammenhang mit der Weiterführung der Standortförderung nach Ende 2015 entsteht eine Gesamtstrategie. Ebenfalls möchte ich 2014 sogenannte Soundingboards (dt. „Resonanzböden“) etablieren: Das sind Gruppen von Interessenvertretern, welche die Standortförderung kommentierend, beratend und Impulse gebend begleiten. Zunächst wird ein Soundingboard Bildung und eins für die Wirtschaft entstehen, dann auch eins für den Bereich Kultur, Freizeit und Tourismus. In Bezug auf raumplanerische Aufgaben wird uns das Regionale Entwicklungskonzept weiter beschäftigen. Da läuft im Moment eine Bereinigungsphase, welche die Inputs aus den Stellungnahmen der Gemeinden verarbeitet. Anschliessend startet Mitte Jahr das öffentliche Mitwirkungsverfahren.

Ebenfalls möchte ich 2014 sogenannte Soundingboards (dt. „Resonanzböden“) etablieren: Das sind Gruppen von Interessenvertretern, welche die Standortförderung kommentierend, beratend und Impulse gebend begleiten.

KMU Region Brugg: Zum Schluss: Ihr grösster Ärger bisher bei Brugg Regio, Ihre grösste Freude? 

Verena Rohrer: Ärger ist ein hartes Wort. Ich komme aus der Privatwirtschaft, da geben die komplizierten Entscheidungswege in der Politik manchmal schon zu beissen. Am meisten gefreut hat mich, inzwischen so viele Menschen kennengelernt zu haben, die sich aktiv und mit grossem Einsatz für die Region engagieren.